Methodik des Novata-Emissionsschätzers
Wie der Novata-Emissionsschätzer Benchmarks vergleichbarer Unternehmen nutzt, um Scope-1-, Scope-2- und Scope-3-Emissionen zu schätzen
Was der Novata-Emissionsschätzer ist
Der Novata-Emissionsschätzer (NEE) erzeugt geschätzte Scope-1-, Scope-2- (standortbasiert) und Scope-3-Emissionen für ein Unternehmen, wenn keine direkt gemessenen Daten vorliegen. Es handelt sich um eine Näherungsschätzung: Sie kombiniert Benchmark-Daten, die vergleichbare Unternehmen auf der Novata-Plattform gemeldet haben, mit einigen Unternehmensmerkmalen, die du angibst, und wendet ein transparentes, deterministisches Zuordnungsverfahren an. Jede Schätzung enthält einen Indikator für die Übereinstimmungsqualität und ein Konfidenzintervall, damit du siehst, wie gut die Vergleichsgruppe passt und wie groß die Unsicherheit ist.
Der NEE orientiert sich an Grundsätzen der THG-Bilanzierung und steht im Einklang mit den Leitlinien der Partnership for Carbon Accounting Financials (PCAF). Er ist jedoch ein Schätzverfahren und kein Ersatz für ein eigenes, gemessenes THG-Inventar nach dem GHG Protocol. Schätzungen sollen immer durch hochwertigere, vom Unternehmen gemeldete Daten ersetzt werden, sobald diese vorliegen.
Eine Schritt-für-Schritt-Anleitung zur Nutzung des Tools in einem Bericht findest du unter Wie nutze ich den Novata-Emissionsschätzer?
Was du angibst
Die Schätzung beruht auf vier Unternehmensangaben, die du im Tab „Unternehmensdetails“ des Berichts eingibst:
- Jahresumsatz (in USD)
- Anzahl der Vollzeitäquivalente (VZÄ)
- Branche, angegeben als SASB-SICS-Code
- Standort (Land)
So wird eine Schätzung berechnet
Im Kern multipliziert der NEE die Größe deines Unternehmens mit einer Emissionsintensität vergleichbarer Unternehmen:
Geschätzte Emissionen (t CO₂e) = Jahresumsatz (Mio. $) × Benchmark-Intensität (t CO₂e / Mio. $)
Die Benchmark-Intensität ist der Median der Emissionsintensität aus dem am besten passenden Benchmark, der über das unten beschriebene Zuordnungsverfahren ausgewählt wird.
Normalisierung: zuerst Umsatz, dann VZÄ
Benchmarks werden normalisiert, damit sich Unternehmen unterschiedlicher Größe vergleichen lassen. Der NEE bevorzugt umsatznormalisierte Benchmarks und weicht nur bei Bedarf aus:
| Art der Normalisierung | Definition | Priorität |
| Umsatznormalisiert | t CO₂e pro Mio. $ Umsatz | Höchste |
| VZÄ-normalisiert | t CO₂e pro Vollzeitäquivalent | Zweite |
| Nicht normalisiert | Absolute Emissionen (t CO₂e) | Nur als Ausweichoption |
So wird der beste Benchmark zugeordnet
Sobald deine Unternehmensmerkmale feststehen, sucht ein stufenweiser Algorithmus den am besten passenden Benchmark und weist ihm eine Übereinstimmungsstufe von 1 bis 12 zu – je niedriger, desto besser die Übereinstimmung. Die Stufe bildet drei Dinge ab: wie genau die Branche übereinstimmt, ob die Region übereinstimmt und ob die Größenklasse (VZÄ) übereinstimmt.
Branchenhierarchie. Die Benchmarks folgen dem Sustainable Industry Classification System (SICS) von SASB, von spezifisch zu allgemein: Teilbranche → Unterbranche → Branche. Das System versucht es zuerst auf Ebene der Teilbranche und verallgemeinert nur, wenn es auf dieser Ebene keinen Benchmark gibt.
Region. Die Benchmarks sind nach Nordamerika, Europa und APAC gruppiert. Gibt es keinen regionalen Benchmark, wird ein globaler Benchmark („ALL“) verwendet. Ein Unternehmen mit Hauptsitz in Brasilien – einer Region ohne Novata-Benchmarks – würde zum Beispiel auf den globalen Benchmark zurückgreifen.
Unternehmensgröße. Die Benchmarks sind nach VZÄ-Klassen unterteilt (unter 100, 100–500, über 500). Liegen keine größenspezifischen Daten vor, wird eine größenunabhängige Klasse verwendet.
Innerhalb jeder Hierarchieebene sucht das System in dieser Reihenfolge – genaue VZÄ-Klasse + genaue Region, genaue VZÄ-Klasse + Region ALL, VZÄ ALL + genaue Region, VZÄ ALL + Region ALL – und hört bei der ersten Übereinstimmung auf. Daraus ergeben sich die 12 Übereinstimmungsstufen:
| Übereinstimmungsstufe | Hierarchie | Qualität |
| 1–4 | Teilbranche (am spezifischsten) | Hoch |
| 5–8 | Unterbranche | Mittel |
| 9–12 | Branche (am breitesten) | Mittel bis niedrig |
Die Plattform zeigt die Übereinstimmungsqualität auch farblich auf einen Blick: Grün für hoch (Stufen 1–4), Gelb für mittel (5–8) und Orange für mittel bis niedrig (9–12).
Rechenbeispiel
Ein Unternehmen aus der Teilbranche Vermögensverwaltung und Verwahrung (SASB FN-AC) mit 180 VZÄ, Hauptsitz im Vereinigten Königreich und 50 Mio. $ Umsatz. Das Zuordnungsverfahren findet für jeden Scope Benchmarks auf Ebene der Teilbranche und wendet die Intensität dann auf den Umsatz an:
| Scope | Übereinstimmungsstufe | Benchmark-Intensität | Berechnung | Schätzung |
| Scope 1 | Stufe 2 (Teilbranche, breite Region) | 0,155 t CO₂e/Mio. $ | 50 Mio. $ × 0,155 | 7,75 t CO₂e |
| Scope 2 (standortbasiert) | Stufe 1 (genaue Übereinstimmung, Europa) | 0,649 t CO₂e/Mio. $ | 50 Mio. $ × 0,649 | 32,45 t CO₂e |
| Scope 3 | Stufe 2 (Teilbranche, breite Region) | 16,8 t CO₂e/Mio. $ | 50 Mio. $ × 16,8 | 840,00 t CO₂e |
| Gesamt | 880,20 t CO₂e |
Scope 2 erreichte Stufe 1, weil europaspezifische Daten vorlagen. Für Scope 1 und 3 gab es keinen europaspezifischen Benchmark, daher wurde auf Stufe 2 zurückgegriffen.
Konfidenzintervalle und Bewertung
Jede Schätzung enthält ein 80-%-Konfidenzintervall, das aus der Streuung der zugrunde liegenden Benchmark-Verteilung berechnet wird: Die Untergrenze nutzt die Intensität des 10. Perzentils, die Obergrenze die des 90. Perzentils (jeweils multipliziert mit dem Umsatz). Aus dieser Streuung ergibt sich eine Konfidenzbewertung:
| Relative Unsicherheit | Konfidenzbewertung |
| unter 0,50 | Hoch |
| 0,50 – 0,99 | Mittel |
| 1,00 – 1,99 | Niedrig |
| 2,00 oder mehr | Sehr niedrig |
Die relative Unsicherheit beträgt |Obergrenze − Untergrenze| ÷ (2 × Schätzung). Breitere Benchmark-Verteilungen führen zu niedrigeren Konfidenzbewertungen.
Emissionsintensive Branchen: das EMRIO-Modell
Die Benchmarks von Novata decken die meisten Branchen der Private Markets ab, einige haben aber noch nicht genug Daten für einen verlässlichen Benchmark. Für 11 emissionsintensive Teilbranchen in den Branchen Rohstoffgewinnung & Mineralienverarbeitung sowie Transport – etwa Kohlebergbau, Metalle & Bergbau, Baustoffe, Fluggesellschaften und Straßentransport – nutzt der NEE stattdessen ein erweitertes multiregionales Input-Output-Modell (Extended Multi-Regional Input-Output, EMRIO). EMRIO leitet länderspezifische, kostenbasierte Emissionsfaktoren aus den Input-Output-Tabellen der OECD ab (Ausgabe 2023, Wirtschaftsstrukturen von 2020), ergänzt um Umweltdaten unter anderem aus EDGAR, FAOSTAT, UNFCCC und EUROSTAT und inflationsbereinigt auf 2025.
Für diese Teilbranchen erfolgt die Zuordnung nur nach Teilbranche und Land (nicht nach VZÄ-Größe), und es wird ein einziger Median der Intensität ausgegeben. Da EMRIO auf makroökonomischen Modellen statt auf Unternehmensdaten beruht, gibt es keine Perzentilverteilungen – für EMRIO-basierte Schätzungen sind daher keine Konfidenzintervalle verfügbar.
Welche Methode wähle ich bei den Fragen zu Scope 1 und Scope 3?
Wenn ein Bericht nach der Methode hinter einer Schätzung fragt, gilt – da der NEE eine aus Benchmarks abgeleitete Näherung ist:
- Scope 1 → „Sonstige“. Der NEE ist kein direktes Messinstrument, „Direkt“ wäre also nicht zutreffend. „Sonstige“ bildet ab, dass es sich um eine aus Benchmarks abgeleitete Näherung handelt.
- Scope 3 → aktivitätsbasiert (vertretbar auch „Sonstige“ bzw. aus Benchmarks abgeleitete Näherung). Die Schätzung nutzt umsatz- oder VZÄ-basierte Benchmarks statt der eigenen Ausgaben des Unternehmens.
Ein Punkt, den du mit Kunden klären solltest: Der NEE liefert eine Gesamtschätzung für Scope 3 auf Basis von Benchmarks – er schlüsselt Scope 3 nicht in die 15 Kategorien auf.
Näherungsschätzungen verantwortungsvoll nutzen
Näherungsschätzungen sind ein praktischer Ersatz, wenn keine gemessenen Daten vorliegen, und sollen durch bessere Daten ersetzt werden, sobald diese verfügbar sind. Sie sind modellierte Annäherungen, die erheblich von den tatsächlichen Emissionen eines Unternehmens abweichen können, und sollten nicht die alleinige Grundlage für regulatorische Berichterstattung, Offenlegungen oder finanzielle Entscheidungen sein. Übereinstimmungsstufen und Konfidenzindikatoren geben eine Orientierung, garantieren aber keine Genauigkeit. Die vollständigen Bedingungen findest du im Benchmark-Haftungsausschluss von Novata.
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Zuletzt aktualisiert: 21. August 2026